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Achtung, Europa!

Thomas Mann und Kurt Pinthus im US-amerikanischen Exil

„Achtung, Europa!“ – Eine Essaysammlung von Thomas Mann mit persönlicher Widmung an Kurt Pinthus
„Achtung, Europa!“ – Eine Essaysammlung von Thomas Mann mit persönlicher Widmung an Kurt Pinthus

Die Autorenbibliothek von Kurt Pinthus ist Beispiel für die Vernetzung deutschsprachiger Autoren, die in der Zeit des Nationalsozialismus Schutz im Exil suchten: So findet sich in der Sammlung „Achtung, Europa! von Thomas Mann eine Widmung des Autors. Eine Spurenlese von Sina Stuhlert und Fiona Walter im Deutschen Literaturarchiv Marbach.

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, sahen sich viele deutsche Schriftstellerinnen und Schriftsteller gezwungen, ins Ausland zu fliehen. Während das Leben im Exil Schutz vor politischer oder religiöser Verfolgung bot, verloren sich mit der Flucht oftmals geschäftliche und künstlerische Beziehungen oder wurden deutlich erschwert. Das Aufrechterhalten dieser Beziehungen oder gar der Aufbau deutschsprachiger Netzwerke im Ausland war daher vielen deutschen Exilanten ein wichtiges Anliegen. Dies zeigt auch die Autorenbibliothek von Kurt Pinthus, die heute im Deutschen Literaturarchiv in Marbach steht.

In dieser insgesamt circa 8.800 Bände aus allen Sparten der Weltliteratur umfassenden Bibliothek befinden sich einunddreißig Werke Thomas Manns. Eines von ihnen, eine Essaysammlung Manns mit dem vielsagenden Titel Achtung, Europa!, enthält eine persönliche Widmung des Autors. „Kurt Pinthus erfreut über seinen Besuch, Princeton 6. II. 39“, hielt Mann darin fest. Die Widmung liefert einen wichtigen Hinweis auf ein Treffen der beiden im amerikanischen Exil, wenige Monate vor dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs. Weitere Zusammenkünfte zwischen Mann und Pinthus sind nicht belegt; daher erweist sich gerade dieses nachweisbare Treffen als äußerst interessant in Hinblick auf die räumliche sowie publizistische Vernetzung deutscher Exilschriftsteller nach 1933.

Vernetzung exilierter Intellektueller jenseits des Atlantiks

Pinthus war vor und nach dem Ersten Weltkrieg als Lektor beim Kurt-Wolff-Verlag in Leipzig tätig, später auch beratend beim Rowohlt-Verlag in Berlin (1919) und als Herausgeber der Lyrikanthologie Menschheitsdämmerung (1919), eines der zentralen Werke des deutschen Expressionismus. Als Schriftsteller jüdischer Herkunft standen seine Texte bereits 1933 auf der Liste verbotener Literatur, 1936 folgte das Publikations- und Redeverbot. Im August 1937 unternahm er (offiziell zu Studienzwecken) eine Reise in die USA mit dem Ziel, dort eine Stelle zu finden. Ohne auf die Grundlage seiner publizistischen Arbeit – seine umfangreiche Bibliothek – zurückgreifen zu können, war es Pinthus jedoch nicht möglich, eine langfristige Anstellung in den USA zu finden.

Nach vier Monaten kehrte er nach Berlin zurück – eine Reise, die mit erheblichen Gefahren für ihn selbst verbunden war, um heimlich den Transport seiner damals bereits etwa 8.000 Bände zählenden Privatbibliothek nach New York zu organisieren. Angesichts der politischen Lage war dies eine enorme logistische Leistung; die genauen Umstände des Transports lassen sich bis heute nicht vollständig rekonstruieren. Mit Pinthus‘ Autorenbibliothek erhielt sich ein Bücherschatz, der andernfalls der nationalsozialistischen Verfolgung zum Opfer gefallen wäre. Persönliche Widmungen an Pinthus zeugen dabei von der Vernetzung exilierter Intellektueller jenseits des Atlantiks. Insgesamt lassen sich 279 handschriftliche Einträge in den Büchern (allein unter den deutschsprachigen Buchtiteln) seiner Bibliothek finden.

Widmung von Thomas Mann an Kurt Pinthus


Thomas Mann und Kurt Pinthus

Das Treffen zwischen Mann und Pinthus fand im Jahr 1939 in Princeton an der amerikanischen Ostküste statt, wo Mann lehrte und mit seiner Familie lebte. Die beiden Männer trafen sich dort am 6. Februar in Manns Wohnhaus. Ein Tagebucheintrag Manns vom gleichen Tag hält den Besuch – und womöglich sogar die Übergabe eben jenes Widmungsexemplars – fest. Eingebettet in Notizen zu seinem akribisch dokumentierten Privatalltag heißt es dort: „Plan der Begründung eines neuen Fonds zur Bekämpfung des Hitler aus amerikanischen Mitteln. (Finanzierung des ‚Vorwärts‘) – Belastend. – Im Stuhle geruht. Zum Thee außer Meisel [Manns Sekretär Hans Meisel] – Prof. K. Pinthus. Mit ihm [im] Arbeitszimmer, Befragung u. Einhändigung von Literatur.“1

Die fast zweihundert Seiten starke Essaysammlung Achtung, Europa! Aufsätze zur Zeit erschien im Oktober 1938, wenige Monate vor dem Treffen in Princeton, im ebenfalls exilierten S. Fischer-Verlag in Stockholm. Sie bietet einen exemplarischen Querschnitt durch alle Spielarten des publizistischen Einsatzes gegen die, wie Mann es selbst nannte, „fascistische Infiltration in politischer, moralischer, intellektueller Beziehung“2: Eine öffentlich gehaltene Rede3 und Thomas Manns Antwort auf die Aberkennung seines Ehrendoktortitels durch den Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn stehen neben mehreren Beiträgen, die zuvor in von Mann gegründeten politischen Auslands- und Emigrantenzeitschriften erschienen waren und hier nochmals gesammelt wurden. Die Texte zeigen die zeitdiagnostische und stilistische Treffsicherheit von Manns politischer Essayistik, die spätestens im US-amerikanischen Exil zum Ausdruck seines unerschütterlichen Engagements für eine günstige Einflussnahme auf die Geschehnisse in Europa am Vorabend des Zweiten Weltkriegs wurde.

Kurt Pinthus in den USA und Rückkehr nach Marbach

Pinthus lehrte während seiner Zeit im US-amerikanischen Exil Literatur, Theater und Film an den Universitäten in New York und Washington D.C. und agierte zudem als Berater für die Bibliothek der Library of Congress und die Theatersammlungen des Brander Matthews Dramatic Museum. Auch von diesen Tätigkeiten finden sich heute Spuren in seiner Bibliothek.

Nach dem Krieg unternahm er einige Deutschlandreisen. 1958 führte ihn eine dieser Reisen ins Marbacher Schiller-Nationalmuseum, wo er die Ausstellung Die Großen und die Vergessenen. Gestalten der deutschen Literatur zwischen 1870 und 1933 besuchte. In den frühen 1960er Jahren begann Pinthus Verhandlungen mit dem damaligen Leiter der Marbacher Bibliothek, Paul Raabe, die letztendlich dazu führten, dass Pinthus‘ Bibliothek 1967 nach Deutschland zurückgeführt und dem Marbacher Archiv übergeben wurde. Pinthus selbst ließ sich im gleichen Jahr endgültig in Marbach nieder.

 

Fiona Walter und Sina Stuhlert absolvierten im Sommer 2019 am Deutschen Literaturarchiv Marbach ein Praktikum. Walter studiert Germanistik an der Universität Bamburg, Stuhlert befindet sich im Promotionsstudium (ebenfalls Germanistik) an der University of Bristol.

Fotos: DLA Marbach

 

1 Zweite Einfügung im Original; Thomas Mann: Tagebücher in zehn Bänden. Tagebücher 19371939. Bd. 4. Hg. v. Peter de Mendelssohn. Frankfurt/Main 1980, S. 357
2 Vorwort „Die Höhe des Augenblicks“ in Achtung Europa!, S. 15
3
„Appell an die Vernunft“, gehalten am 17. Oktober 1930 in Berlin