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Anti-Thule und Gegen-Atlantis

Caroline Jessen schreibt über Karl Wolfskehl und Kurt Singer im Exil

Karl Wolfskehl in seiner Wohnung in Auckland (1947)

Caroline Jessen, ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsverbund MWW, hat in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift für Ideengeschichte (ZIG) den Artikel „Anti-Thule und Gegen-Atlantis – Karl Wolfskehl und Kurt Singer im Exil“ veröffentlicht.

Jessen hat im Rahmen des Forschungsprojekts Autorenbibliotheken der ersten Förderphase insbesondere die 1937 veräußerte Bibliothek und der im Exil zusammengetragene Buchbesitz Wolfskehls rekonstruiert und die bislang wenig erforschte Geschichte der Sammlung und ihrer Zerstreuung neu in den Blick genommen.

Auszug aus dem Artikel:

Neuseeland war für den aus Nazideutschland geflüchteten Dichter Karl Wolfskehl nach Stationen in der Schweiz und Italien im Sommer 1938 der Ankunftsort einer One-way-Schiffsreise mit Touristenvisum. Das über vier Jahre andauernde italienische Refugium hatte sich gegen die faschistische Regierung im Land nicht länger behaupten können und die Grenzen der europäischen Ausweichorte hatten sich vor dem Flüchtenden geschlossen. In den folgenden zehn Jahren, die der fast siebzigjährige Wolfskehl dann abgesehen von einigen kleineren Reisen auf der Insel in Auckland verbrachte, wurden Briefe zum Ersatz persönlicher Nähe und zugleich zur durch und durch stilisierten Form.

Einer der wenigen Adressaten, die dies annahmen, erwiderten und überboten, war Kurt Singer, der schon 1935 aus Peiping (dem späteren Peking), vom „Ostrand“ her, den Kontakt zum lange Zeit engsten Vertrauten des 1933 verstorbenen Stefan George gesucht hatte. In mediterran gepolter Deutungsfreude hatte Wolfskehl in Italien die Ferne des jüngeren Freundes überhöht: Es sei „gewichtig, fast unerlässlich, dass einer der Unsern diese Läufte“ – gemeint waren Singers Forschungen zur japanischen und chinesischen Symbolik – „aus einem immer mehr ins Zentrische drängenden, dennoch von der eigenen Dämonie unwiderruflich bei sich selber eingepfählten Punkt aus mit unsrer Sicht und Wertungsweise erkennend durchleuchte.“

Wolfskehl verstand es, die Peripherie des Exils in der Esoterik welthistorischer Bestimmung zu transzendieren. Singers Blick für die Funktion von Symbolen in ihren wandernden Formen und Bedeutungen quer durch die Zeit und an weit entlegenen Orten, ihrem ‚Absterben‘ und ihrem verborgenen Fortdauern kam dabei dem eigenen Sinn für die untergründigen Zusammenhänge der Welt entgegen. Die Schriften des Ökonomen waren bereits in Italien zum „Schlüssel“ geworden, der „das Schwellentor“ zum asiatischen Zeichenraum öffne. Das Bild der kreisenden Drei, Singers 1938 in den Transactions of the Asiatic Society of Japan erschienene Schrift „über das japanische Tomoe-Symbol und seine westlichen Gegenbilder“, ist so ein Schlüssel. Der Sonderdruck aus dem Nachlass Karl Wolfskehls bezeichnet jedoch in seiner handschriftlichen Widmung „Dem Dichter / der Gegen-Thule / der Deuter / der Gegen- Atlantis / Sommer 1939“ vor allem einen biografischen Punkt im Leben beider Männer.

Den gesamten Artikel können Sie in der Sommerausgabe der Zeitschrift für Ideengeschichte lesen.


Foto: DLA Marbach