Aktuelles

Neues aus dem MWW-Projekt „Intellektuelle Netzwerke“

Leonhard Christoph Sturm sucht Gleichgesinnte und berufliche Bewährung

Leonhard Christoph Sturm, Kupferstich

Das an der Herzog August Bibliothek angesiedelte Forschungsprojekt „Intellektuelle Netzwerke“ will das historische Profil von Leonhard Christoph Sturm schärfen. Während die private Büchersammlung Auskunft über die Lektüren des Professors für Mathematik, Architekturtheoretikers, studierten Theologen und Baudirektors geben soll, zeigen sich in der Korrespondenz mit Zeitgenossen weitere Facetten seiner Persönlichkeit.

Sturm in Wolfenbüttel und Frankfurt an der Oder

Im Jahr 1702 zieht Leonhard Christoph Sturm (1669−1719) nach Frankfurt an der Oder. Dort will er die ihm angetragene mathematische Professur antreten. Zuvor hatte er als Nachfolger von Johann Balthasar Lauterbach (1663−1694) an der Wolfenbütteler Ritterakademie gewirkt und dort als Professor für Mathematik auch zur Architektur und Festungsbaukunde gelesen. Nun also der Wechsel ins Brandenburgische. Die Alma Mater Viadrina gehörte in den 300 Jahren ihrer ersten Existenzphase (1506−1811) zwar nicht zu den ganz bedeutenden Hochschulen, aber sie war eine europäische Landesuniversität im besten Sinne, die Studenten kamen aus dem deutschen Raum, aber u.a. auch aus Polen-Litauen, dem Baltikum, Schweden, Norwegen und Dänemark. Ungewöhnlich war das angesichts der transnationalen, dynamischen Kultur- und Handelsbewegungen, wie sie in der Frühneuzeit üblich waren, nicht. Aber es unterstreicht die Ausstrahlung der Frankfurter Universität als Bildungsstätte: Alexander Gottlieb Baumgarten (Philosoph mit Schwerpunkt Ästhetik), Ulrich von Hutten (Humanist und Reichsritter), die Humboldt-Brüder (Wilhelm: Staatsmann und Bildungsreformer; Alexander: Naturforscher und Weltreisender), Carl Philipp Emanuel Bach (Komponist und Kirchenmusiker) und Heinrich von Kleist (Dramatiker, Erzähler, Publizist) studierten oder wirkten hier.

Was Sturm bewog, Wolfenbüttel zu verlassen, wissen wir nicht. Möglicherweise hatte der selbstbewusste Professor durch Stellungnahmen zu heiklen Themen den Kanzler des Herzogtums provoziert. Aber der von Zeitgenossen als streitlustig beschriebene Sturm überwarf sich nach kurzer Zeit auch mit den Kollegen an der Viadrina und es fand sich kein Kreis, der mit ihm das offene Gespräch über religiöse Fragen wagte. Genau unter diesem Diskussionsmangel hatte er schon in Wolfenbüttel gelitten, wo seit 1692 das Pietisten-Edikt in Kraft war, das den im öffentlichen Dienst stehenden Personen eine Art Gesinnungszensur verordnete: keine radikalen, enthusiastischen, kirchen- und obrigkeitskritischen pietistischen Ideen und Verlautbarungen! In Frankfurt geriet Sturm wegen seiner trotzdem geäußerten Sicht auf die Dinge sogar mit der orthodoxen Obrigkeit in Konflikt, die ihn von der kirchlichen Gemeinschaft ausschloss. Gleichwohl blieb er acht Jahre an der Oder, bis er nach dem Tod seiner ersten Frau und der schnellen Wiederverheiratung 1710 dort seine Zelte abbrach und an den Schweriner Hof wechselte, wo er im März 1711 eine Bestallung als Baudirektor bekam.

Sturms frühe Korrespondenz mit August Hermann Francke

Die erhaltene Briefkorrespondenz Sturms mit verschiedenen Zeitgenossen umfasst mindestens 46 Schreiben. Hier interessiert − ausschnitthaft − der Austausch mit August Hermann Francke (1663−1727), dem Gründer des Waisenhauses und der pietistischen Schulstadt vor den Toren Halles. Sowohl im Archiv der Franckeschen Stiftungen als auch in der Staatsbibliothek zu Berlin lagern Briefe, insgesamt 18 Stück. Wie sich der Berliner Standort erklärt, sei kurz erwähnt, denn es handelt sich um eine dubiose Provenienzepisode: Die im Berliner Francke-Nachlass aufbewahrte Post, zzgl. vieler Handschriften, stammt aus dem Archiv der Franckeschen Stiftungen. Wie ist das Material dort abhanden gekommen? Es wurde Mitte des 19. Jahrhunderts gestohlen. Die Königliche Bibliothek Berlin hat das Konvolut erworben, zum Glück gesichert und der Öffentlichkeit in Gestalt des Nachlasses nutzbar gemacht. So sind zahlreiche Dokumente, die in die Quellensammlung zur Geschichte des Halleschen Pietismus gehören, seit fast 150 Jahren statt in den Franckeschen Stiftungen in der Hauptstadt beheimatet.

Sturm hatte seit seinen Studientagen in Altdorf und Leipzig ein Interesse für die pietistische Idee entwickelt; seine anfänglich stille, vorerst nikodemische Anhängerschaft radikalisierte sich im Laufe der Zeit. Wahrscheinlich hat er von Wolfenbüttel aus den Kontakt zu August Hermann Francke hergestellt – Francke, der die Fachwerkstadt und Residenz der Herzöge von Braunschweig-Lüneburg übrigens von zwei kurzen Besuchen 1688 und 1705 persönlich kannte. In einem Brief vom 13. Juni 1701 schreibt Sturm: „Nachdem ich herzlich gewünscht, mit meinem H. Doktor bekannt zu werden und bereits lange Zeit nach Gelegenheit dazu getrachtet, hat mir diese H. Legationsrat Alexander gewährt, als er mir zu verstehen gegeben, wie mein H. Doktor Verlangen trüge, daß ich mit meinen wenigen Anschlägen zu der Holzkahrung (sic!) in dem Waisenhause einigen Beitrag tun möchte.“ Da sich Franckes Briefe nicht erhalten haben, kennen wir dessen Antworten nicht. Es bleibt folglich Spekulation, ob tatsächlich und wenn ja wie dringend der Hallenser Pfarrer seinen Wolfenbütteler Anhänger als Sachverständigen für die Bauvorhaben in der Schulstadt gewinnen wollte.

Brief von Sturm an Francke, 16. November 1711 / Archiv der Franckeschen Stiftungen (AFSt/H C 817 : 12)

Aus demselben Brief ergibt sich indessen die Hochachtung, die Sturm „aus meines H. Doktors christlichen Schriften gegen ihn geschöpft und bisher aufrichtig behalten“. Schließlich nutzt Sturm das Schreiben, sich für einen informellen Antrittsbesuch in Halle anzukündigen: „gegen den Anfang des Monats Juli (1701, JM) nach Gottes Willen mit meiner Ehefrau über Halle eine Reise nach Altdorf zu tun [...] Alsdann werde nicht ermangeln, meinem geehrten H. Doktor persönlich meine Dienste anzutragen. […] Sie werden mich dann in Dero werteste Freundschaft aufzunehmen kein Bedenken tragen.“ Des Weiteren fragt er, ob Francke etwas von einer vakanten Professur für Mathematik in Halle wisse. Für die interessiere er sich vor allem deshalb, weil er durch den Umzug nach Halle und die räumliche Nähe zu Francke und seinen Mitstreitern die Gelegenheit bekäme, „über die wahre Theologie und Auslegung der h. Schrift mehr Konversation zu haben.“ Andernfalls habe er ein Angebot aus Frankfurt an der Oder, das er als zweite Wahl annehmen würde, um so Wolfenbüttel und dem dort herrschenden „Mangel gottgefälliger Gesellschaft“ zu entfliehen.

Der Austausch dürfte sich in den Folgejahren fortgesetzt haben. Allerdings fehlen ab der zweiten Jahreshälfte 1702 Schreiben. Wir wissen aus anderen Quellen wie Briefen des Freiherrn von Canstein (1667–1719), einem weiteren Verehrer und Mitstreiter Franckes, dass Sturm im Winter 1706 Berlin besuchte. Die Hauptresidenz der Hohenzollern war durch Philip Jacob Speners (1635–1705) Wirken zu einer wichtigen pietistischen Stadt geworden, was Sturm gelegen kam, denn hier fand er endlich die Leute, mit denen er Umgang und Austausch wollte. Am 27. Februar 1706 berichtet Canstein an Francke, dass Sturm dem Hallischen Pietismus nach wie vor fest verbunden sei („Er erbietet sich auf alle Art und Weise mit großer Treue Ihrem Pädagogio zu dienen [...]“); ferner, dass dieser „ein sehr fähiger Mann“ sei. Zweieinhalb Jahre später, in einem Brief vom 2. Juni 1708, teilt er mit, dass Sturm nach dem Tod seiner Frau vorhabe, nach Halle auf die mathematische Professur zu wechseln.

Sturms späte Korrespondenz mit August Hermann Francke

Erst im Jahr 1709 setzt die erhaltene Korrespondenz zwischen Sturm und Francke wieder ein. Am 1. Juli 1709 bedankt sich der Frankfurter Professor bei Francke für die Vermittlung des Informators (Lehrer) für seine Kinder, mit dem er vollauf zufrieden sei: „Der grundgütige Gott hat gewißlich seine Hand in dieser Sache mit gehabt, indem dieser liebe Mensch sich sehr gut schickt, meine beiden Kinder zu Gott zu führen.“ Vier Monate später, am 22. November 1709, übersendet er einen Traktat religiösen Inhalts nach Halle und bittet um eine Beurteilung: „Ich nehme mir die Freiheit, hierbei die primitias meiner Erklärung von dem allein guten Weg zum wahren Christentum zuzuschicken und mir eine geneigte, aber freimütige Zensur darüber auszubitten.“ Wieder fehlt das Antwortschreiben Franckes, es ist aber davon auszugehen, dass dieser angesichts der zunehmenden Radikalität Sturms in kirchlichen Belangen mehr und mehr Zurückhaltung wahrte. Hatte er anfangs noch Gedanken Sturms gelobt und den Mathematiker damit zu weiteren kontroversen Argumentationen ermuntert, wollte er das jetzt verhindern: denn mit dem Halleschen Großprojekt hatte Francke genug zu tun, er wurde nicht nur bewundert, sondern musste sich gegen Anfeindungen wehren. Der sich offen zum Halleschen Pietismus bekennende, die mächtige lutherische Kirche aber permanent herausfordernde Jünger Sturm erwies ihm mit seinen religiösen Provokationen da einen Bärendienst.

Brief von Sturm an Francke, 16. November 1711 / Archiv der Franckeschen Stiftungen (AFSt/H C 817 : 12)

Bis kurz vor seinem Tod am 6. Juni 1719 schreibt Sturm dem berühmten Hallenser Briefe, ein letzter datiert vom 1. April des Jahres. Ob Francke auf alles geantwortet hat, ist offen. Auch wenn sich das Verhältnis der beiden Männer vor allem wegen des Disputationsfurors seitens Sturm abgekühlt hatte, schickte der im Frühjahr 1714 seinen Sohn von Mecklenburg trotzdem nach Halle zur Ausbildung: weil er erwarten konnte, dass „daß er im Pädagogio nebst der notitia theologica die drei Sprachen triebe, dabei aber das einig Nötige hauptsächlich lernte, die Kreuzschule unseres Herrn lieben, und mehr und mehr geübt wurde, seinen Fußstapfen nachzufolgen.“ Familiäre Belange sind in den Briefen immer wieder Thema, jedoch überwiegen Anfragen und Bitten Sturms an den Hallenser, seine kontroverstheologischen Schriften zu bewerten, ihnen Approbation zu erteilen und wenn möglich zu drucken. Die reservierte Haltung gegenüber Sturm findet sich in der Korrespondenz anderer Personen bestätigt. So teilt Francke dem Freund und Ratgeber Heinrich Julius Elers (1667–1728) am 8. Oktober 1718 mit, dass er zwei Traktate, die Sturm ihm zur Veröffentlichung angeboten habe, an diesen zurücksenden werde. Was als zunehmend kritische Haltung gegenüber den eifernden Glaubensstreiter Sturm erkennbar wird, lässt sich in ähnlicher, komplementärer Weise auf dem Gebiet der Architektur beobachten.

Zwischenstand und Ausblick

Bei Leonhard Christoph Sturm – das wird aus den Briefen deutlich – handelt es sich um eine ebenso talentierte und ambitionierte wie widersprüchliche Figur. Mit ihm betritt ein schriftstellerisch produktiver, dafür kaum praktisch ausführender Architekt, ein theologisierender Mathematiker und Vielschreiber die Bühne. Durch zahlreiche Publikationen zur zivilen und militärischen Architektur wie zu religiösen Streitfragen bekannt, wurde er aufgrund seines Temperaments, seiner religiösen Überzeugung und vieler nachweislich nicht überzeugender Konstruktionsvorschläge im architektonischen Feld von den Zeitgenossen ambivalent beurteilt. In seinen Briefen wird Sturm aber auch als pater familias greifbar, der sich um eine pietistisch orientierte und zugleich solide Ausbildung seines Sohnes bemüht.

Sturms private Büchersammlung geriet nach seinem Tod in den Besitz von Ludwig Rudolf von Braunschweig-Lüneburg (1671–1735). Zusammen mit dessen Bibliothek wird sie ab 1752/53 von Blankenburg in die herzogliche Bibliothek nach Wolfenbüttel gelangt und in diese integriert worden sein. 

Die Projektgruppe wird von Jörn Münkner geleitet, Katrin Schmidt leistet die bibliothekarische Erschließung und Validierung, Timo Steyer die Aufgaben der Digital Humanities.