[News - Details]

„Sie meinen, ich sei ein Weltenbummler!“

Emma Velys Reise nach „Neuyork“ im Frühsommer 1914

Aus dem Tagebuch (1914) von Emma Vely
Aus dem Tagebuch (1914) von Emma Vely

Nur wenige Wochen vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs reiste die Schriftstellerin und Journalistin Emma Vely nach New York, um ihre Tochter zu besuchen. Was ein Blick in ihren Nachlass über diese Reise verrät, zeigt Forschungshospitant Tobias Feldmann, der sich am Deutschen Literaturarchiv Marbach auf Spurensuche begeben hat.

Im Mai 1914 besuchte die Schriftstellerin und Journalistin Emma Vely (1848-1934) ihre nach New York ausgewanderte Tochter Lolo. Diese Reise erwähnt sie zwar in ihrer Autobiographie Mein schönes und schweres Leben (1929). Allerdings sind diese Memoiren lückenhaft und selektiv, oft fehlen konkrete Datumsangaben und die Autorin springt in ihren „Lebenserinnerungen“ zwischen den Jahrzehnten. Da bisher kaum Forschungsliteratur zu Velys Leben und Werk existiert, soll ein Blick in ihren Nachlass am Deutschen Literaturarchiv Marbach Klarheit über die Umstände ihrer Reise schaffen.

American Bachelor Girls

Emma Vely fällt auf unter den Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts. Bereits Ende der 1880er Jahren setzt sie ihre Scheidung gerichtlich durch und ist seither alleinerziehende Mutter. Anders als viele ihrer Kolleginnen, deren wirtschaftliches Auskommen durch einen reichen Ehemann, ein ansehnliches Erbe oder adeligen Stand gesichert war, ist sie schon früh auf ihre schriftstellerische und journalistische Tätigkeit angewiesen. Sie engagiert sich mit großem Einsatz für die Rechte von Frauen, baut ein weitreichendes Netzwerk auf und pflegt engen Kontakt mit Persönlichkeiten wie Anna Schepeler-Lette, Hedwig Dohm oder Fanny Lewald.

Ihr Ruf als Schriftstellerin und Frauenrechtlerin dringt sogar bis über den Atlantik. Im Juni 1914 in New York angekommen, gibt sie sogleich zahlreichen Zeitungsreportern Interviews, in denen sie über die Situation von Frauen in den USA und in Deutschland spricht, über Fragen von Wahlrecht, Selbstbewusstsein und Eigenständigkeit. So berichtet zum Beispiel die texanische Tageszeitung The Bryan Daily Eagle am 4. Juni 1914: „‚I like the independent way you American bachelor girls live,’ said Frau Emma Vely, the German writer. ‘You couldn’t live so comfortably in Germany; if you had no parents to stay with, then you must live in a pension.’“

Größer und luxuriöser als die Titanic

Viele ihrer längeren Schiffsreisen unternimmt Vely als Gast der HAPAG (Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien-Gesellschaft). Die Gesellschaft lädt sie zu Reisen ein, im Gegenzug schreibt sie Berichte, in denen sie Betreiber und Ausstattung der Schiffe lobt. In einer Artikelserie in der Danziger Zeitung beschreibt sie ausführlich die Ausstattung der Vaterland, welche größer und luxuriöser war als die 1912 gesunkene Titanic. Allerdings sind viele Ausgaben dieser Zeitung, insbesondere aus der Zeit vor und während des Ersten Weltkriegs, nicht mehr aufzufinden, da die Bestände vieler wichtiger Bibliotheken hier Lücken aufweisen. Erst die Bestände der Mediendokumentation des DLA ermöglichten eine vollständige Recherche.

„Salve, Vaterland!“, schreibt Emma Vely 1914 in der Danziger Zeitung


„N. Jork und zurück“

Ein Blick in Velys Tagebücher offenbart die vollständigen Hintergründe ihrer New-York-Reise. „Auf Lolo’s Anregung hin schrieb ich an Paketfahrt, ob ich die Jungfernfahrt des Vaterland mitmachen dürfe – N. Jork und zurück“, notiert sie am 17. Mai, „Bejahend. Sofort andren Tags, am 8. die Einladung. Schönste Cabinen-Anweisung. Nun bin ich in großer Erregung. Freude und Bangen vor dem Abschied.“ Auch wird erst aus den handschriftlichen, in Kurrentschrift abgefassten Zeilen deutlich, wie entscheidend das Wiedersehen mit ihrer Tochter für diese Reise gewesen ist. „Bin nun eine alte Frau“, schreibt die 64-jährige am 8. Mai in ihr Tagebuch, „und muß, soll ich mein Kind für kurze Zeit haben, übers Wasser fahren.“ Über das Wiedersehen mit ihrer Tochter schreibt sie in ihrem Tagebuch: „Als wir an den Pier gehen wollten, sah ich Lolo sofort. Sie streckte beide Arme in die Höh. Und sie sah schön und liebenswürdig aus. So sicher geworden! Und so fleißig und fröhlich.“

Marbach als Nexus

Der Vergleich dieser drei Textsorten – Autobiographie, Reisebericht und Tagebuch – hinterlässt einen faszinierenden und aufschlussreichen Eindruck des Lebens und Schaffens einer fast vergessenen Schriftstellerin. Ihr Nachlass erfährt aber in jüngster Zeit mehr und mehr Aufmerksamkeit. So verfolgt Kirsten Endres in ihrem Dissertationsprojekt einen biographischen Ansatz und Sina Stuhlert (University of Bristol) untersucht in ihrer Dissertation unter anderem Velys Roman Herodias (1883). Einen bereichernden Austausch machte das DLA als archivarische und bibliophile Begegnungsstätte überhaupt erst möglich.

 

Tobias Feldmann war vom 03.06. bis 12.07.2019 Forschungshospitant am Deutschen Literaturarchiv Marbach. Er promoviert in „German Literature“ und „Comparative Literature“ an der Washington University in St. Louis (USA).

Fotos: DLA Marbach